Erzählende Darstellungsweisen im Journalismus

Rezension: Christian Moser-Sollmann [Werner Früh/Felix Frey: narration und Storytelling. Theorie und empirische Befunde. Herbert von Halem Verlag, ISBN 978 – 3-86962-083-1]

Die Gattung Mensch ist kein rationaler Homo oeconomicus, aber mit Sicherheit Homo narrans, ein Geschichtenerzähler. Schon die Steinzeitmenschen erzählten sich beim Lagerfeuer Geschichten, Märchen und Legenden. Seit einigen Jahren boomt das Geschichtenerzählen auch im Bereich des Nachrichtenjournalimus und der Fernsehnachrichten. Aufgrund dieser Entwicklung stellen sich einige Fragen: Geht mit der Narrativisierung der Informationsmedien auch eine Veränderung der Informationsleistung zuungunsten des Informationsauftrages einher? Und ist das Narrationskonzept überhaupt mit den Aufgaben des Nachrichtenjournalismus kompatibel, der wertneutral und objektiv vor allem Fakten, Fakten und Fakten darstellen sollte, aber nicht primär der Unterhaltung dient. Im Zeitalter der Quote wird diese Nachrichtenfunktion gerne dem Unterhaltungsprimat geopfert. Eine unterhaltende Geschichte, so die These, ist für das Publikum leichter verdaulich als faktenorientierter  Journalismus.  Geschichten erzählen wird auch im Journalismus als Erfolg versprechende Konzept propagiert, das umsatz- mit Qualitätssteigerung verbindet.  Das Problem dabei:  Narration entstand als Kunstform für fiktionale Genres wie Romane, die formal und inhaltlich nicht unbedingt mit Nachrichtenformaten kompatibel sein müssen. Narration ist eine Form der Sprachverwendung und entstand früh in der Menschheitsgeschichte als alltagsprachliche Gebrauchsform. Auch heute ist das Erzählen die gebräuchlichste Grundform der Alltagssprachen. Jedes Gespräch beim Abendbrot oder Mittagstisch folgt nach diesem Muster. Narration ist durch folgende Merkmale definiert: Erzähler, Adressat, menschlicher bzw. antropomorpher Handlungsträger (ggf. Protagonist), Kohärenz und Intentionalität. Der Erzähler kann direkt oder indirekt in Erscheinung treten und in bestimmten Fällen auch mit dem Protagonist identisch sein. Der Protagonist die die zentrale Figur, die sich handelnd mit anderen oder anderen auseinandersetzen muss. Das Miteinbeziehen des persönlichen Erlebens gehört in journalistischen Formaten wie der Reportage seit jeher zu den Stilelementen. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Erzählstrategien im Journalismus und in Romanen. Journalismus muss faktenbasiert arbeiten. Liest man das theoretische und empirische Befunde zusammentragende Buch von Früh und Frey, bekommt man beim Lesen den Eindruck, dass die Lobgesänge auf die Stärke des Erzählens im Journalismus verfrüht waren. Ja, Journalismus soll unterhalten. Aber diese Unterhaltung muss stets das Primat der Faktenbasierung befolgen. Denn wenn Fernsehsender und Zeitungen nur mehr unterhalten, aber nicht mehr informieren, bekommen immer mehr Zuseher das diffuse Gefühl, nicht ausgewogen informiert zu werden. Vielleicht hat also die Geschichtenfixierung des modernen Journalismus auch indirekt zur Krise der Massemedien beigetragen, weil sich viele Bürger falsch und nicht ausreichende informiert fühlen. Diese Frage stellt sich nach der Lektüre des klug zusammengestellten Sammelbandes.